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Banlieue-Show

Mogniss H. Abdallah
2003-06-05
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Das Politikspektakel der Sprengung abgewirtschafteter cités

Es weht ein großer reinigender Wind durch die cités (Anm. Hochhausviertel)... Der französische Staat hat einen Plan zur Zerstörung zahlreicher Wohnungen beschlossen, eine angekündigte Ausradierung, die bereits begonnen hat. Während sich die Medien gegenseitig darin überbieten, die lärmende institutionelle Kommunikation nachzuäffen, welche die »Blitzeinschläge« und »bombing outs« begleitet, entdeckt man nebenbei, dass es unter den Bewohnern der cités sehr unterschiedliche Leute gibt... Bewohner, die das Recht haben, am kurzen Aufklaren ihrer »neuen Zukunft« zu zweifeln, denn häufig sind die Zerstörungen eher politisch motiviert denn Ausdruck eines urbanen Projekts...

Die Fernsehsendungen widmen sich zunehmend der Live-Übertragung von Sprengungen eines oder mehrerer abgewirtschafteter Hochhausblöcke in den Banlieues. Schließlich hat der für die Städte zuständige Minister Claude Bartolone seit Beginn der parlamentarischen Debatte um den Gesetzentwurf zur »Solidarität und Stadterneuerung« im Frühjahr 1999 angekündigt, dass die Regierung den Rhythmus der spektakulären Abrisse erhöhen wird. Wie viele müssen abgerissen werden? In der Tageszeitung Le Parisien antwortete Bartolone am 13. März 2000: »Zwischen 200.000 und 300.000 Sozialwohnungen in den kommenden zwanzig Jahren. Ab diesem Jahr sind jährlich 10.000 bis 12.000 Wohnungen budgetiert, gegenüber 7.000 oder 8.000 im Laufe der letzten drei Jahre. In den nächsten Jahren sollten wir einen jährlichen Rhythmus von 15.000 erreichen.« Der Plan zur Wiederbelebung einer schlagkräftigeren Stadtpolitik scheint diesmal minutiös vorbereitet. Zwar reden sich gewisse Rechtsausleger den Mund fusselig gegen das Gesetz für »Solidarität und Stadterneuerung«, welches im Namen der Solidarität und der sozialen Durchmischung allen Kommunen mit mehr als 1.500 Einwohnern eine Sozialwohnungsquote von zwanzig Prozent auferlegen will. Doch im Gegenzug bekräftige der Staat im Juni 2000 seine Entschlossenheit, als es Schlag auf Schlag in Saint-Étienne, in La Corneuve und in Remiremont (Vosges) zu drei Abrissen kam.

Wie zur Verdeutlichung seiner neuen Radikalität (im Sinne von »das Problem an der Wurzel packen«) unterstreicht die Inszenierung der neuerlichen Abrisse, dass nunmehr ganze Viertel verschwinden werden. ›La Muraille de Chine‹ in Saint-Étienne, mit seinen etwa 500 Wohnungen bekannt als der größte Hochhausblock Europas, stellte alleine schon ein eigenes Viertel dar. Am 27. Mai 2000 wurde er in wenigen Sekunden niedergestreckt und gab sofort den Horizont frei, wie es den Kommentatoren zu unterstreichen gefiel. In Remiremont wurden vier Blöcke parallel vom Blitz getroffen, und die Sprengung des Blocks Renoir in La Corneuve kündet davon, dass die Blöcke Ravel und Pressov in nächsten Jahren folgen werden. Diese cité – emblematisch für das »schlechte Leben in den großen Hochhausblöcken« und jene urbanistischen Fehler der sechziger Jahre, die der sich damals verallgemeinernden Utopie von Le Corbusier zuzuschreiben sind – reduzieren sich auf die Dimension von Sorgenfalten. »Höchstens vierzig Wohungen werden übrig bleiben«, so die Vorhersage einiger enttäuschter Ex-Bewohner. Ebenso gut ließe sich sagen, es handle sich um eine »Ausmerzung«, genauso wie man vor gar nicht langer Zeit die Bidonvilles (etwa: Barackensiedlungen) ausmerzte, um auf ihnen die Transit-Viertel zu errichten. Die Amerikaner, von denen die Sprengtechniken übernommen werden, sprechen von »bombing out«; stark und ohne »Kolateralschäden«.

Demonstration der Stärke gegen die »cités ghettos«

Tatsächlich würde das Folgeprogramm wie eine quasi-militärische Kampagne angekündigt, mit großer Unterstützung durch geographische Karten und Info-Graphiken, die die zukünftigen Ziele zeigen. Paris Match beispielsweise veröffentlichte in seiner Ausgabe vom 31. Mai 2000 »eine explosive Karte«, auf der die zu zerstörenden Hochhausblöcke »durch eine Bombe markiert« waren. Diese Karte wiederum entspricht fast vollständig der Kartographie der Kriminalitätsschwerpunkte, die in den Medien regelmäßig zur Stigmatisierung verwendet werden. Während Claude Bartolone von einem »großen, im Rahmen der Zurückeroberung der Stadt platzierten symbolischen Akt« sprach, benutzen andere eine deutlich kriegerische Sprache. So etwa Julien Dray, Gründer von SOS Racisme, Vize-Präsident des Regionalrates der Île-de-France und Beauftragter für Sicherheit und Stadtpolitik. Dem Echo der Sprengungen gleich überschlug er sich nahezu beim Gedanken an »die permanente Gewalt der cités«. »Für mich hat es höchste Priorität, die Ghettos zu zerstören.«

Auch die Tageszeitung Le Monde ließ sich gehen und überschrieb – übrigens in ziemlich großen Lettern – eine ganze Seite mit den Worten: »Die Abrisse, das neue Wunder-Heilmittel gegen die Depression der cités hhettos«. Ein ambivalenter Titel, der möglicherweise jene »organizistische«, medizinische Vision mit sich führt, die ererbt wurde vom Begriff »Ende der Toleranz« und seinem Begleitzug von – zu allerlei diskursiven Unklarheiten einladenden - Konnotationen vom »Zuviel« an Immigranten, vom Sättigungsgrad und von der Vorherbestimmtheit der deprimierten Bevölkerungsvorteile zur Kriminalität. Bereits 1992 forderte der Soziologe Loic Wacquant, mit dem Mythos der cités ghettos aufzuräumen, da dieser - durch eine missbräuchliche Annäherung an das amerikanische Gewaltmodell - ein Kriegsklima zwischen real und virtuell suggeriere. Ist es nicht auch das Ziel der lärmenden institutionellen Kommunikation rund um die zahlreichen Wohnblock-Sprengungen, das »Image der cités zu ändern«?

Die Zukunft... ein Brachland?

Die audiovisuellen und die Print-Medien übernehmen – einmal ist keinmal - regelmäßig diese offizielle Form der ›Trauerarbeit‹ für die verurteilten cités, und man entdeckt mit einem gewissen Erstaunen, dass es in La Corneuve, in Val-Fourré oder in Saint-Etienne sehr unterschiedliche Bewohner gab – mehr als nur junge Arbeitslose oder Drogenabhängige im Kampf gegen die Polizei! Diese Bewohner, deren Stimmen und Nostalgie man am Ende in den Familienalben doch noch entdeckt, zeugen von einem wirklichen Kiezleben, mit all seinen Ambivalenzen, allen seinen guten und schlechten Seiten, kurz, all seinen Reichtümern. Poesie liegt in der Luft. Ein überzeichnetes Bild? Während die Künstler und Kommunikationsprofis versuchen, den Diskurs der Städtebauer im Rahmen institutioneller Auftragsarbeiten darzustellen, drohen die Vertreter der ›tendenziösen‹ Seite sich erstarrt lächelnd einem zu positiven Zerrbild zuzuwenden. Keine Bilder mehr von Zerstörungen und umgestürzten Autos, noch weniger von Polizeiangriffen. Keine Waffen, keine bösartigen »Prolo«-Rassisten, keine unheimlichen und beunruhigenden Integristen. Vergessen die Gesichter des kleinen Toufik, von Abdel und allen anderen Opfern des Sicherheitsdrucks um den Block Renoir und anderswo. Auch kein Bild kollektiver Aktion, dem der Makel der Rachsucht anhaften könnte. Die Abschwächung jedes – real oder vorgeblichen – Negativbildes nährt den Verdacht, dass sich irgendetwas dahinter verbirgt. Es ist so, als ob man sich in die Vergangenheit der Einwohner flüchten würde. »Man hat ihnen nur von der Zerstörung erzählt, nicht vom Wiederaufbau, nicht von ihrer Zukunft. Sie ziehen sich zurück statt nach vorne zu blicken«, sagte ein stadtpolitischer Funktionär am 27. Mai 2000 in der Tageszeitung Liberation. »Die Angst vor der Leere« manifestiert sich laut Daniel Zylbergerg vom medizinisch-psychologischen Zentrum in La Corneuve bei vielen der Einwohner. Zwar wohnen sie - verstärkt durch das Faszinosum der Sprengtechnik – interessiert dem vergänglichen Spektakel der Zerstörung ihres Lebensortes bei. Und sie hegen die verrückte Hoffung, die mediale Aufmerksamkeit könnte eines Tages - ohne zu wissen, was - irgendwas ändern. Doch die Bewohner ahnen, dass – wenn die Gebäude einmal zu Nichts geworden und die Medien verschwunden sind - die ausschweifenden Projekte einer »neuen Zukunft« drohen, sich sehr schnell in tote Buchstaben zu verwandeln. Ein bekanntes Beispiel unten vielen ist das Viertel Démocratie in Minguettes, heute verlassenes Brachland. In Remiremont sagt der RPR-Bürgermeister und Senatspräsident Christian Poncelet, gefragt nach der Zukunft des durch den Abriss freiwerdenden Geländes: »Gott alleine weiß es.«

Es ist auch der Sozialwohnungsbau, der zerstört wird

Roland Castro und Michel Cantal-Dupart, die wichtigsten Architekten der ersten, ebenfalls medial-politisch intensiv begleiteten Phase zur Inwertsetzung der Sozialbauviertel in den achtziger Jahren, wenden sich gegen die systematische Entscheidung für den Abriss. »Ich bin gegen das Spektakel der Abrisse«, erklärt Roland Castro. »Wie in Minguettes an Stelle eines Hochhausblocks ein Gelände einfach leer zu lasse, verstärkt bei den Anwohnern nur noch das Gefühl der Verbannung; (...) einen Ort abzuwerten schafft enorme Traumatismen bei den Bevölkerungen.« Schon 1995 meldete sich Cantal-Dupart anlässlich der Sprengung des Gebäudes B in Francs-Moisins (Saint-Denis) zu Wort: »Damit will man ein Bild erzeugen, zeigen, dass man Städtebau betreibt. Also nimmt man sich das Recht zu zerstören, denn das geht schneller als zu bauen. Wir befinden uns in einer unerträglichen Situation: es existieren viele leerstehende Wohnungen, und gleichzeitig sucht man vergeblich welche für jene, die keine haben. Das ist abstoßend. Ich bin Architekt, und mein Beruf ist es, Leuten Wohnraum zu geben. Nicht zu zerstören, um alles schön sauber zu machen. (...). Denn die gewalttätige Zerstörung eines Gebäudes, ob es will oder nicht, ist vor allem eins: ein Bild, ein Zeichen. Aber Achtung, man zerstört nicht einfach ungestraft Häuser.« Er warnt vor eventuellen Demonstrationen durch Menschen, die es ablehnen, dass man sie aus ihren Häusern vertreibt, und erinnert an die Situation in Minguettes im Jahr 1983. Damals drohten die Jugendlichen damit, den ersten Block des Viertels Monmousseau zu besetzen, der der Zerstörung geweiht war, falls ihre Kameraden, die in Folge von Auseinandersetzungen mit der Polizei im Gefängnis saßen, nicht vor dem Tag der Sprengung freigelassen würden. Eine großes Graphitti »Befreit Kamel« war gut sichtbar für alle Kameras oben an den Wohnblock gesprüht worden. Toumi Djaidja, zukünftige emblematische Figur der Marche pour l`égalité (Märsche für die Gleichheit) handelte damals die Befreiung des Blocks gegen die Freilassung des jungen Mannes aus. Erinnerungen werden wach, so etwa bei einer alten algerischen Frau, die in La Corneuve die Zerstörung des Blocks Renoir filmte, die Kamera abstellte und zitternd sagte: »Dieser Lärm macht Angst. Er erinnert mich an den Algerien-Krieg, als die Armee unserer Häuser bombardierte.«

Mediale Aufmerksamkeit, aber kaum qualitative Studien

Die schlecht Wohnenden haben auch etwas dazu zu sagen. Selbst wenn die Vereinigung Droit au Logement (DAL – Recht auf Wohnung) in den Banlieues nicht die gleichen medialen Erfolge erzielt wie in Paris, benennt sie durch ihre einfachen Traktate dennoch genau jene Punkte, die bei den Abrissen auf dem Spiel stehen: der Bau von Sozialwohnungen sinkt, während nicht mal alle für den Bau zur Verfügung stehen Kredite ausgeschöpft werden. Der Staat hat schon seit langer Zeit keine Beschlagnahmung mehr durchgeführt, und die den Bewohnern der verschwindenden Gebäude angebotenen Umsetzwohnungen sind häufig unsicher (in La Corneuve wurden mehrere Familien des Gebäudes Renoir in die Gebäude Ravel oder Pressov umgesiedelt, die ihrerseits kurzfristig zum Abriss bestimmt sind). In Frankreich gibt es laut Droit au logement fünf Millionen schlecht Wohnende und Wohnungslose (davon 30.000 im Departement Seine-Saint-Denis). Zur gleichen Zeit gibt es zwei Millionen leerstehende Wohnungen, darunter 264.000 Sozialwohnungen. Genug um einen deutlichen Anteil der schlecht Wohnenden unterzubringen, wie es die ursprüngliche Bestimmung des Sozialwohnungsbaus ist. Genau an diesem Punkt stimmt etwas nicht: es scheint, als sei etwasim Namen der »sozialen Durchmischung« und der »neuen Wohnformen« auf den Weg gebracht, um den – mit wiedergefundenem Vertrauen ausgestatteten – Mittelklassen über eine Bevölkerungsumsiedlung den von ihnen gewünschten Zugang zu verschiedenen, im Sozialpark entstehenden Eigentumsformen zu geben. Doch was mit den Armen ist? Ein Rätsel... Diese Realität wird noch nicht wirklich in den 13-Uhr-Nachrichten erörtert, trotz der Prädisposition der Medien, als Echo des Staatsvoluntarismus zu fungieren, wenn es um den Städtebau geht.1 Im Fernsehen kümmert sich – neben den Regional-Magazinen des Fernsehsenders France 3 - eigentlich nur die Wochensendung Saga-cités des selben Senders um dieses Thema. Doch aufgrund der Modifizierung des Programmschemas wird sie zu so unmöglichen Zeiten ausgestrahlt, dass es kaum regelmäßige Zuschauer geben kann.

Als mit dem Merkmal des Vergänglichen ausgestattete mediale Kategorie wird das Politik-Spektakel der Sprengung heruntergekommener Wohnblöcke in den Zeitungen und im Fernsehen zum Ereignis. Studien werden der Thematik hingegen kaum gewidmet. Von diesen sei hier zum Schluss nur jene der Städtebaulichen Studien- und Forschungsgruppe (Geru – Groupe d'ètudes et de recherches en Urbanisme) genannt, die in Le Monde am 25. Februar 1998 erwähnt wurde. Diese qualitative Studie untersucht zwanzig Abrissstellen und zeigt, dass die meisten Operationen sich aus mehreren Logiken speisen. Wenn sie vor allem aus einer »politischen Wahl« resultierten, dann steht fast immer die soziale Situation im Zentrum der Entscheidung, »aber in einer häufig maskierten Art und Weise«. Der technische oder architektonische Zustand »dient als Rechtfertigung der Entscheidung«, und das urbane Projekt »als Bürgschaft«. »Die Ziele, die am besten ankommen, haben immer die Verbesserung des Soziallebens im Blick, den Bau von Wohnanlagen besserer Qualität, die urbane Restrukturierung. Doch das reale Ziel der meisten Operationen besteht eher darin, einen Brennpunkt sozialer Störung verschwinden zu lassen, die Zusammensetzung des Sozialwohnungsorganismus zu überarbeiten, eine ausgeglichene Verwaltung wiederherzustellen, das Umfeld aufzuwerten.« Klar...

(Übersetzung aus dem Französischen von Gunnar Ulbrich aus: Mogniss H. Abdallah (agence IM`média): ›Banlieus Show ou La politique-spectacle du dynamite des citès maudites‹ In: Médias Nr. 1227 – September/Oktober 2000, S. 120-125)

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