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Jenseits der Bohème-Bourgeoisie

von spot_off
2005-09-08
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Gentrifizierung light in der Dresdner Äußeren Neustadt

Der politische Zusammenschluß spot_off – Initiative gegen Videoüberwachung – wurde im Frühjahr 2002 ins Leben gerufen. Anlaß waren die Pläne des damaligen sächsischen Innenministers Klaus Hardrath und der Immobilienbesitzervereinigung Haus & Grund, zwei Straßen in Dresdens innenstadtnahem Gründerzeitviertel Äußere Neustadt mittels Videokameras überwachen zu lassen. Mit dieser Maßnahme sollten Graffiti-»Schmierereien« an den sanierten Häusern effektiv bekämpft werden. Mit einer Plakatkampagne unter dem Slogan »Wer nichts zu verbergen hat, hat alles zu befürchten?« versuchte spot_off die Videoüberwachung als einen weiteren und zum Teil bereits privat umgesetzten Schritt im Gentrifizierungsprozeß der Neustadt zu problematisieren.

Gentry (engl.): niederer Adel

Gentrifizierung ist das Stichwort, welches die Diskussion um Urbanität und städtische Veränderungsprozesse prägt. Mit der politischen Wende 1989 ist in der Stadtsoziologie dieser Prozeß auch für einige ostdeutsche Gründerzeitviertel beschrieben worden. Dabei sind vor allem die Berliner Viertel Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain sowie die Leipziger Südvorstadt im Fokus der wissenschaftlichen Betrachtung.

Gentrifizierung, wie sie in Westeuropa und Nordamerika verstanden wurde und wird, soll am Anfang unseres Beitrags definiert werden, um im Anschluß Abweichungen in der Entwicklung in Dresden aufzuzeigen.

Gentrifizierung umfaßt die ökonomische und kulturelle Umwertung innenstadtnaher Wohnstandorte. In diese Viertel ziehen zuerst die sogenannten PionierInnen (z.B. KünstlerInnen, KulturproduzentInnen, HausbesetzerInnen). Im Zuge dieser Entwicklung steigen die Mieten, Dachgeschosse werden ausgebaut, Mietwohnungen werden aufwendig saniert oder in Eigentumswohnungen umgewandelt. Kennzeichen für diese Aufwertung ist der Zuzug einkommensstärkerer Gruppen, an der die Umgestaltung der Infrastruktur ausgerichtet wird. Verdrängt werden die alteingesessenen MieterInnen oder aber jene PionierInnen, die Motor einer subkulturellen Aufwertung geworden waren.

In der Dresdner Neustadt hat ab 1990 ebenfalls ein Gentrifizierungsprozess eingesetzt, der allerdings in wichtigen Punkten von oben genannter Definition abweicht. Im internationalen Gentrifizierungsdiskurs hat sich der Begriff der Bohème-Bourgeoisie (BoBo) als Akteur bzw. Akteurin der Gentrifizierung durchgesetzt. Er bezeichnet eine Person mit kulturellem und ökonomischem Kapital. Kennzeichnend für die Dresdner Neustadt ist die Abwesenheit der BoBos.

Bunte Republik Neustadt?

Das Gründerzeitviertel Äußere Neustadt ist während der DDR stark vernachlässigt worden und war in weiten Teilen zum Abriß vorgesehen. Die heruntergekommene unsanierte Bausubstanz (Außentoilette, Ofenheizung) wurde überwiegend von sozial schwachen Menschen, Familien mit proletarischem Hintergrund sowie RentnerInnen bewohnt. Ihnen folgten aufgrund der angespannten Wohnungsmarktlage der DDR v.a. junge Menschen und KünstlerInnen, die die Wohnungen zum Teil illegal bezogen. Mit der politischen Wende 1989 ging die staatliche Kontrolle des Viertels völlig verloren. Die unklare politische Situation ermöglichte die Aneignung und selbstorganisierte Gestaltung des Stadtviertels. Der mit der Vernachlässigung einhergehende Häuserleerstand in der Äußeren Neustadt schuf eine optimale Situation für die Entwicklung alternativer Lebensstile und -praxen. Es entwickelte sich eine informelle Infrastruktur aus illegalen Ateliers, Infoläden, Clubs und Kneipen. \\

„Das war luftleerer Raum. Du konntest zum Beispiel Kneipen aufmachen, wie du wolltest. Es gibt in der Neustadt -zig Kneipen, die sind in der Zeit entstanden. (...) Da gab es keine Gesetze. Die DDR gab es nicht mehr. BRD gab es noch nicht. Dann sind wir zum Beispiel ohne Fahrerlaubnis Auto gefahren, weil kein Polizist hätte sich getraut, uns aufzuhalten. Das war total irre. Da haben sich auch Geschäfte und Betriebe gegründet. (...) Also da konntest du auch noch Sachen machen. Das war irgendwie ein total luftleerer Raum. Und dann knallte so plötzlich der nächste Staat auf dich drauf. Aber so die Zwischenzeit war total irre.“ (siehe Mirjam Jauslin) \\

Das subkulturelle und das proletarische Milieu teilten das Interesse an der Nichtkommerzialisierung ihres Stadtviertels. Die Menschen dieser zwei Gruppierungen unterschieden sich zwar in ihrem Tagesablauf und Lebensstil, bezogen sich jedoch beide als AkteurInnen auf die Struktur des Stadtviertels. Beim proletarischen Milieu reichte dies von der Eckkneipe über Kleingewerbe bis zu Lebensmittelläden. Die Subkultur agierte in autonomen Infoläden, Volksküchen und Clubs.

Bereits im Juni 1991 wurde die Äußere Neustadt durch einen Beschluß der Stadt als Sanierungsgebiet festgelegt. Ab 1993 begann unter der Regie der STESAD (Stadterneuerungs- und Sanierungsgesellschaft mbH Dresden) eine umfangreiche Gebäudesanierung.

Ab Mitte der 1990er Jahre folgten die Studierenden dem subkulturellen Milieu in den Stadtteil. Sie konnten mit elterlicher bzw. staatlicher Hilfe das Angebot der inzwischen sanierten oder teilsanierten und noch vergleichsweise preiswerten Wohnungen annehmen. Hier begann die Verdrängung der alteingesessenen Stadtteilbevölkerung mit proletarischem Hintergrund.

Eine kommerzialisierte Infrastruktur ersetzte nach und nach informelle Zusammenhänge. Kollektiv geführte Kneipen wurden von angeblich „szenischen“ oder „alternativen“ Kneipen abgelöst, die auf die Bedürfnisse der Studierenden ausgerichtet waren. Das Eigenengagement, welches das proletarische und subkulturelle Milieu verband, blieb im Zuge der Kommerzialisierung auf der Strecke, bzw. mußte sich Nischen suchen.

Während das subkulturelle Milieu zunächst die eigenen Strukturen verteidigte, entzog sich das proletarische Milieu durch Wegzug in Viertel mit preiswerteren Mieten (z.B. Pieschen, Hechtviertel). Bei dieser Entscheidung spielte sicherlich auch die Veränderung der Altersstruktur im Viertel eine wichtige Rolle, sowie der Wegfall der proletarischen Alltagsstruktur und die zunehmende Hegemonie von „young-trendy-stylish“ im Stadtviertel.

Die AkteurInnen mit subkulturellem Hintergrund gingen zwei verschiedene Wege. Die einen nutzten den Kommerzialisierungsschub um selbst Kleingewerbe, Kulturbetriebe und Kneipen zu etablieren und somit im Mainstream aufzugehen. Die anderen mußten Kämpfe mit der STESAD um ihre Häuser und Freiräume fechten.

Eingebildete Abweichung

Alternative Neustädter Studenten-WG sucht für entspanntes Zusammenwohnen neuen Mitbewohner. Du solltest zwischen 21 und 27 Jahre alt sein, aufgeschlossen, Kultur interessiert, tolerant sein und Spaß am Ausgehen haben. Die Wohnung liegt zentral am Partyknotenpunkt in der Louisenstraße. 5 Minuten zu Fuß zum Albertplatz (Linien 3,7,8) zur Uni. Bieten können wird dir: DSL, Waschmaschine, Trockner, Spülmaschine, TV, sonniger Balkon am G-Raum und die TAZ im Abo. (Aushang im Copyland, Bischofsweg, Dezember 2005) \\

Mit dem Zuzug der Studierenden machten sich erste Gentrifizierungstendenzen bemerkbar. Die konservativen Studierenden versuchten sich den subkulturellen Charme des Viertels anzueignen. Ihr nicht selten konventioneller Lebensstil kontrastierte mit dem Tagesablauf der subkulturellen AkteurInnen.

Mit dem Zuzug der Studierenden machten sich erste Gentrifizierungstendenzen bemerkbar. Die konservativen Studierenden versuchten sich den subkulturellen Charme des Viertels anzueignen. Ihr nicht selten konventioneller Lebensstil kontrastierte mit dem Tagesablauf der subkulturellen AkteurInnen.

Das studentische Milieu unterscheidet sich von jenem der Subkultur oder dem Proletariat hinsichtlich ihres Auftretens als KonsumentInnen. Der Wohnungsmarkt und das Lifestyle-Management beginnen sich an den Bedürfnissen der Studierenden auszurichten. Der studentische Lebensstil ist dabei durch einen Übergangscharakter gekennzeichnet. Das Modell der Wohngemeinschaft fungiert dabei nicht im Sinne eines alternativen Lebensentwurfes, sondern als Zwischenstufe zur traditionellen Kleinfamilie. Anders als in vergleichbaren Vierteln, wie z.B. Prenzlauer Berg in Berlin, in denen einkommensstarke Kleinfamilien dominieren, tendiert die Kleinfamilie in der Dresdner Äußeren Neustadt eher zum Wegzug in grünere, ruhigere Viertel, wie z.B. Striesen. Die Nachziehenden sind wiederum Studierende. Anders als bei der klassischen Gentrifizierung kommt es daher nicht zu einem zweiten Austausch der BewohnerInnen durch ein einkommensstärkeres Klientel (erfolgreiche/r flexibilisierte/r Singles, Mitte 30, mit full-time-Job).

Wir bringen das zum einen mit einem allgemeinen Wohnraumleerstand in Dresden in Zusammenhang, der zumindest einen exponentiellen Mietanstieg verhindert. Die Mieten sind zwar höher als in den angrenzenden Stadtteilen, können von Studierenden oder prekär Beschäftigten derzeit aber noch bezahlt werden. Zum anderen haben sich grundsätzlich die Erwartungen bezüglich einer sich konstituierenden Mittelschicht nicht erfüllt. Unter ostdeutschen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen konnte keine Bohème-Bourgeoisie entstehen. In Ostdeutschland fehlt aufgrund des egalitären Kulturbewusstseins der DDR die klassische bürgerliche Schicht. Die Bevölkerungsabwanderung und der damit einhergehende Wohnungsleerstand verhindert/e die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen. Darüber hinaus fehlen die finanziellen Ressourcen (Erbschaften, hohe Beamtengehälter, Pensionen) zum Erwerb von Immobilien.

Dem Viertel fehlt deshalb der gehobene Dienstleistungssektor (Latte Macchiato, Sushi-Bars, Wellness-Food, Hot Spot-Cafès etc.), der an den Kulturbetrieb und die Kreativindustrie (Design, Mode, Galerien, Film, Webgestaltung) anschließt und entsprechende Lifestyle-Angebote unterbreitet. Die einzige Sushi-Bar der Dresdner Neustadt steht kurz vor dem Aus, das etwas teurere indische Restaurant mußte den Mittagsbetrieb einstellen, während am Hot-Dog-Stand der Foodboutique (1,50 EUR) den ganzen Tag Schlange gestanden wird. Die Aqua Lounge, die als exklusive Cocktaillounge für ein besserverdienendes Klientel aus angrenzenden Villenvierteln (Weißer Hirsch, Preußisches Viertel) konzipiert wurde musste aufgrund mangelnden Interesses bzw. Kapitals im Herbst 2005 schließen.

Ein anderer wesentlicher Aspekt liegt in der unterschiedlichen Biographie der Mittfünfziger und Mittvierziger in West- und Osteuropa. Die 1968er Bewegung ist in Osteuropa in Fragen des Lebensstils nicht zum identitätsstiftenden Moment geworden. Die Erfahrungen mit Jugendsubkulturen, Drogen und alternativen Lebensstilen sind in Ostdeutschland in dieser Generation nicht maßgeblich. Somit besteht kein Bedarf, sich im vermeintlich subkulturellen Milieu die Jugenderinnerungen einzukaufen.

Die einzigen aktuellen Gentrifizierer in der Dresdner Neustadt sind mittlere Angestellte. Die Infrastruktur des Viertels ist in vielfältiger Weise auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten. Nicht die Bedürfnisse der Bohème-Bourgeoisie oder die kreativer Trendsetter müssen befriedigt werden, sondern jene mittlerer Angestellter, die billiges Bier, cholesterinreiche deutsche Hausmannskost oder kostengünstige arabische Küche im Dürüm Kebap House bevorzugen.

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Eine weitere Tendenz ist die Hooliganisierung der Strassen des Viertels. Auf den Straßen findet speziell am Wochenende eine Wiederaneignung durch proletarische bzw. prekärisierte Jugendliche statt.

Aufgrund der Schließung verschiedener Jugendclubs in anderen Stadtvierteln bieten ausschließlich die Straßen der Neustadt eine adäquate Freizeit- und Abendbeschäftigung. Die Infrastruktur der Spätshops gewährleistet den Konsum von günstigem und gekühltem Bier bis in die frühen Morgenstunden. Die Ansammlungen von feiernden Jugendlichen vor den Spätshops führen zu diversen Konflikten mit den benachbarten Kneipen und Cafés. Diese befürchten Umsatzeinbußen durch das Trinken auf der Straße. Das Ordnungsamt der Stadt Dresden reagierte mit einer Auflage, nach der Alkohol nur noch in Plastiktüten verkauft werden darf. Die BetreiberInnen der Spätshops sind angehalten, dafür zu sorgen, daß es vor den Shops nicht zu Menschenansammlungen kommt.

Die mehrheitlich männlichen Jugendlichen zeichnen sich durch ein extrem sexistisches, homophobes und brutales Verhalten aus und treten i.d.R. in Gruppen auf. Der Lifestyle von Hooligans hat Vorbildfunktion – ihre Mode ist sportlich und militaristisch. Die identitätsstiftende Komponente ist der Fußballverein Dynamo Dresden. Die Jugendlichen kommen nicht in die Neustadt, um ihren Feierabend oder ihr Wochenende zu begehen, sondern um ihre Langeweile totzuschlagen und ihre gesellschaftlich-ökonomische Überflüssigkeit zu kompensieren.

Die durch die anfänglichen Gentrifizierungsprozesse stark reduzierte proletarische Kultur wird heute durch die Kultur der Spätshops und des Aufenthaltes auf der Strasse ersetzt.

Der gesellschaftliche Verelendungsprozess im Neoliberalismus findet in der Samstagnacht auf der Alaunstraße seine Entsprechung.

So what?

Das Angestelltenmilieu als aktueller Gentrifizierer war nicht in der Lage das Viertel komplett ökonomisch und kulturell umzugestalten. Die kommerzielle Infrastruktur ist zwar an ihren Bedürfnissen ausgerichtet, es sind jedoch auch subkulturelle und proletarische Freiräume erhalten geblieben oder entwickeln sich immer wieder neu. Es ist daher von einer Gentrifizierung light zu sprechen. Da sich kein homogener Lifestyle durchsetzen konnte bleiben durch die Anwesenheit diverser subkultureller und proletarischer/prekärer AkteurInnen gesellschaftliche Widersprüche präsent.

Verweise

  • Jens S. Dangschat; "Gentrification - Die Aufwertung innenstadtnaher Wohnstandorte"; Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung. Nr. 21/22

  • Mirjam Jauslin; "Von schwarzen Schafen, Heissen Kühen und bunten Leuten - Formen des urbanen Widerstandes in der Äusseren Neustadt"; 1997

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